Die Macht der inneren Antreiber: Warum wir uns oft selbst im Weg stehen

Wir sitzen wieder einmal in meinem Seminarraum. Der Duft von frischem Kaffee liegt in der Luft, und auf den Tischen in der Ecke liegen die Schreibunterlagen bereit. Draußen ist es ruhig, aber hier drinnen, zwischen den Coaches vor Ort und den Kollegen, die hybrid über die Monitore zugeschaltet sind, herrscht eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre.

In meinem ersten Artikel haben wir über die „Delta-Falle“ gesprochen – diese tückische Lücke zwischen dem, was ist (Ist-Zustand), und dem, was wir glauben, dass es sein sollte (Soll-Zustand). Doch heute wollen wir eine Ebene tiefer gehen. In meinen fast 35 Jahren als Coach habe ich eines gelernt: Stress ist selten nur ein Problem des Zeitmanagements. Er ist ein Problem unserer inneren Landkarte. Wir müssen uns fragen: Woher kommt eigentlich dieses riesige „Soll“, das uns so unter Druck setzt? Warum fällt es uns so schwer, das Delta einfach mal Delta sein zu lassen?

Das psychologische Fundament des Stresses

Wenn wir uns im Resilienz-Coaching mit der Delta-Falle beschäftigen, stoßen wir auf drei wesentliche Konzepte der Psychologie, die erklären, warum uns Diskrepanzen so sehr zusetzen.

1. Kognitive Dissonanz (nach Festinger)

Jeder kennt das: Wir wissen eigentlich, dass wir eine Pause bräuchten (Ist), aber wir arbeiten trotzdem weiter (Verhalten), weil wir glauben, noch nicht fertig zu sein (Soll). Diese Spannung zwischen Wissen und Handeln erzeugt ein unangenehmes Gefühl – die kognitive Dissonanz. Unser Gehirn hasst diesen Zustand und versucht ihn krampfhaft aufzulösen, oft indem wir uns einreden: „Ich muss nur noch diese eine Mail schreiben, dann wird es besser.“ Spoiler: Es wird selten besser.

2. Die Diskrepanz zwischen Ideal-Selbst und Real-Selbst (Higgins)

E. Tory Higgins hat mit seiner „Self-Discrepancy Theory“ genau das beschrieben, was wir im Workshop als Kern der Delta-Falle identifiziert haben. Es gibt das „Actual Self“ (wer ich gerade bin) und das „Ideal Self“ (wer ich gerne wäre). Je größer der Abstand zwischen diesen beiden Ichs ist, desto mehr Stress, Niedergeschlagenheit oder sogar Angst empfinden wir. Resilienz bedeutet hier, Frieden mit dem „Actual Self“ zu schließen.

3. Inkongruenz (nach Rogers)

Carl Rogers, einer der Väter der humanistischen Psychologie, sprach von Inkongruenz, wenn unsere Erfahrungen nicht mit unserem Selbstkonzept übereinstimmen. Wenn ich mich als „belastbare Führungskraft“ sehe (Selbstkonzept), aber eigentlich völlig am Ende bin (Erfahrung), entsteht ein tiefer innerer Konflikt. Wir versuchen dann oft, die Fassade aufrechtzuerhalten – und genau das raubt uns die letzte Resilienz-Energie.

Die 5 Peitschenhiebe: Unsere inneren Antreiber

Warum aber halten wir so starr an einem unrealistischen „Soll“ fest? Die Antwort der Transaktionsanalyse ist simpel wie genial: Die Antreiber. Das sind tief sitzende psychologische Programme, die wir meist in der Kindheit gelernt haben. Sie waren damals nützlich, um Anerkennung zu bekommen, aber heute im Berufsalltag werden sie oft zu unseren größten Stressfaktoren.

Im Workshop haben wir diese fünf Programme analysiert. Erkennst du dich in einem wieder?

  1. „Sei perfekt!“ – Der Klassiker. Jedes Detail muss stimmen. Fehler sind Katastrophen. Das Soll ist hier per Definition unerreichbar, weil 100% nie genug sind.
  2. „Beeil dich!“ – Alles muss schnell gehen. Wer rastet, der rostet. Diese Menschen sind oft schon gedanklich beim übernächsten Termin, während sie noch im aktuellen Gespräch sitzen.
  3. „Streng dich an!“ – Nur was mühsam ist, zählt. Wer locker zum Ziel kommt, hat es nicht verdient. Hier wird das Delta künstlich vergrößert, damit der Sieg am Ende „echt“ wirkt.
  4. „Mach es allen recht!“ – Der Fokus liegt auf der Harmonie. Ein „Nein“ zu anderen wäre ein „Nein“ zur eigenen Identität. Das führt dazu, dass das „Soll“ durch die Erwartungen aller anderen Menschen um uns herum bestimmt wird.
  5. „Sei stark!“ – Keine Gefühle zeigen, keine Schwäche zugeben. „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ Das ist der gefährlichste Antreiber für die Resilienz, weil er uns dazu bringt, Warnsignale des Körpers komplett zu ignorieren.

Wenn Stärken zur Falle werden: Das Werte-Quadrat

Ein spannender Moment in unserem Würzburger Workshop war die Arbeit mit dem Werte-Quadrat. Wir haben gesehen, dass jeder dieser Antreiber eigentlich auf einer positiven Stärke basiert.

Nehmen wir das Beispiel einer Führungskraft: Eine große Stärke kann Mitgefühl und Mitarbeiterorientierung sein. Das ist wunderbar für das Teamklima. Doch wenn der Antreiber „Mach es allen recht!“ dazukommt, kippt diese Stärke. In der Überdosierung wird man zum „Kumpel“, der keine klaren Ansagen mehr machen kann und sich selbst im Delta zwischen Harmoniebedürfnis und Führungsaufgabe aufreibt.

Resilienz bedeutet hier, die Gegen-Stärke zu entwickeln: Entschiedenheit, Klarheit und die Fähigkeit zur Abgrenzung. Nicht, um das Mitgefühl zu ersetzen, sondern um es in eine gesunde Balance zu bringen. Erst durch diese Spannung – die „Balance der Werte“ – bleiben wir stabil.

Ein kleiner Ausblick

Während ich hier in meinem Seminarraum stehe und auf die Flipchart mit den Antreibern blicke, wird mir bewusst, wie wichtig dieser Schritt der Selbsterkenntnis ist. Wir können das Delta erst managen, wenn wir wissen, wer in uns eigentlich die Peitsche schwingt.

Vielleicht nimmst du dir bis dahin einen Moment Zeit: Welcher der fünf Antreiber hat heute bei dir am lautesten gerufen?

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CHRISTOPH SCHALK

MASTER COACH & PSYCHOLOGE

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