„Sie blödes A…!“ – Warum persönliche Angriffe eigentlich missglückte Liebeserklärungen sind

Wenn es im Team knallt und die Fetzen fliegen, greifen Führungskräfte meist zu moralischen Appellen: „Wir gehen hier respektvoll miteinander um!“ Doch was, wenn wir die Beleidigung nicht als Ende der Kommunikation, sondern als deren energetischen Höhepunkt betrachten? Erfahren Sie, wie Sie durch hypnosystemische Umdeutung destruktive Energie in wertvolle Lösungen verwandeln.

Der Schockmoment im Meeting

Stellen Sie sich vor, in einem Meeting platzt einem Mitarbeiter der Kragen. Er schleudert seinem Kollegen ein „Sie blödes Arschloch!“ entgegen. Die Luft brennt, alle starren zu Boden, die Moralpolizei im Kopf schlägt sofort Alarm: Das geht gar nicht. Das muss sanktioniert werden.

Doch als Coaches oder psychologisch geschulte Führungskräfte wissen wir: Ein Verbot („Wir greifen uns hier nicht an“) unterdrückt zwar das Symptom, löst aber nicht das Problem. Schlimmer noch: Es entzieht dem Raum die Energie, die wir für echte Veränderung brauchen. Aus der Perspektive eines Psychologen betrachtet ist jeder Angriff – so hässlich er formuliert sein mag – ein massiver Ausdruck von Engagement.

Die „Liebeserklärung“ hinter der Beleidigung

Gunther Schmidt, ein Pionier im Umgang mit solchen Situationen, lehrt uns eine radikale Form der Utilisation: Jedes Verhalten hat eine positive Absicht für das System. Wer schreit oder beleidigt, dem ist die Sache offensichtlich nicht egal. Wer innerlich gekündigt hat, schweigt und geht in die passive Resistenz. Wer angreift, kämpft noch.

Ein persönlicher Angriff ist oft nichts anderes als eine „missglückte Liebeserklärung“ an einen Wert oder ein Ziel. Der Angreifer ist frustriert, weil ein ihm wichtiges Bedürfnis (Sicherheit, Qualität, Wertschätzung) massiv verletzt wurde. Da er aber gerade keinen Zugang zu seinen konstruktiven Ressourcen hat, „kotzt“ er seinen Wunsch in Form einer Beleidigung aus.

Den „Übersetzer“ einschalten: Von der Klage zum Wunsch

Die Aufgabe eines Coaches oder einer Führungskraft ist es nun, nicht auf der Inhaltsebene der Beleidigung zu reagieren (Symmetrie-Falle), sondern die Energie zu „ernten“. Das gelingt durch Pacing und sofortige Umdeutung in Bedürfnisse:

  1. Die Energie würdigen: „Ich merke, wie massiv Sie das Thema bewegt. Da muss Ihnen etwas extrem wichtig sein, sonst würden Sie nicht so deutlich werden.“
  2. Die Klage in ein Bedürfnis übersetzen: „Wenn Sie so reagieren, scheint Ihnen X (ein Wert, z.B. Verlässlichkeit) hier im Team gerade massiv zu fehlen. Ist es das, wofür Sie gerade kämpfen?“
  3. Vom „Gegen“ zum „Für“: „Man könnte ja auch die Klappe halten und abtauchen. Dass Sie das nicht tun, zeigt mir Ihr Engagement für das Projekt. Lassen Sie uns schauen, wie wir diesen Impuls für eine Lösung nutzen können.“

Utilisation: Der Angreifer als Erinnerungsanker

In meiner Arbeit als Coach nutze ich solche Momente oft als „Problem-Anker“. Wenn jemand sagt „Sie blödes A…!“, kann man das innerlich utilisieren als: „Ah, danke für die Erinnerung, mich jetzt besonders behaglich zurückzulehnen, tief durchzuatmen und meinen Schutzraum aufzubauen.“

Wenn wir diese Haltung ausstrahlen, verliert der Angriff seine destruktive Macht. Wir bieten dem Gegenüber eine Brücke an, von der Amygdala-Reaktion (Angriff) zurück in den präfrontalen Cortex (Lösungsraum) zu finden.

Fazit: Energie ist wertneutral

Konflikte in Teams sind keine Fehler im System, sondern Feedbackschleifen. Ein persönlicher Angriff ist die „heiße“ Variante von Engagement. Wenn es uns gelingt, die moralische Bewertung kurz beiseite zu schieben und die Frage zu stellen: „Welches wertvolle Bedürfnis schreit hier gerade so laut?“, verwandeln wir Widerstand in Kooperation.

Wann haben Sie das letzte Mal eine Beleidigung als versteckten Wunsch gehört? Es verändert alles.

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CHRISTOPH SCHALK

MASTER COACH & PSYCHOLOGE

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