Warum wir unsere Probleme ehren sollten: Der kompetente Kern im Symptom

Haben Sie sich auch schon einmal über Ihre eigene „Aufschieberitis“, ein plötzliches Lampenfieber oder eine unerklärliche Blockade geärgert? Der erste Reflex ist meist der „Wegmach-Reflex“: Das störende Verhalten soll so schnell wie möglich verschwinden. Doch wer seine Probleme bekämpft, stärkt sie oft ungewollt. Ein Plädoyer für einen radikalen Perspektivwechsel: Warum Ihre Symptome eigentlich loyale Leibwächter sind.

„Ich will das einfach nur loswerden!“ Diesen Satz höre ich in Coaching-Sitzungen oft. Ob es der Stress-Tunnelblick im Meeting ist oder die Tendenz, wichtige Entscheidungen vor sich herzuschieben – wir betrachten diese Phänomene als Fehler im System. Als Defizite, die ausgemerzt werden müssen.

Doch die moderne Psychologie lehrt uns für das Coaching etwas ganz anderes: Jedes Symptom, so störend es auch sein mag, trägt einen „kompetenten Kern“ in sich. Es ist eine Leistung Ihres Organismus, die zu einem anderen Zeitpunkt oder in einem anderen Kontext absolut sinnvoll war.

Der „Wegmach-Reflex“ und die Logik des Widerstands

Wenn wir gegen ein Problem kämpfen, gehen wir in den Widerstand gegen uns selbst. Stellen Sie sich Ihr Symptom wie einen besorgten Mitarbeiter vor, der Sie vor einer Gefahr warnen will. Wenn Sie diesen Mitarbeiter einfach nur anschreien, er solle verschwinden, wird er nur eines tun: lauter schreien.

Der Kampf gegen das Symptom führt zu einer inneren Zerrissenheit. Die Abwertung des Problems („Das ist schlecht, das muss weg“) erhöht den Stress im System. Die Folge: Das Gehirn schaltet auf Überlebensmodus, die Wahlmöglichkeiten schrumpfen, und das Problem verfestigt sich.

Evolutionäre Weisheit: Das Erbe unserer Vorfahren

Viele unserer heutigen „Probleme“ sind eigentlich archaische Überlebensstrategien. Nehmen wir die Angst oder die plötzliche Starre (den „Totstillreflex“). Aus einer paleoanthropologischen Sicht waren diese Reaktionen lebensrettend. Wer in der Steinzeit einem Raubtier gegenüberstand, für den war ein analytisches Brainstorming tödlich – Kampf, Flucht oder Erstarren waren die einzigen kompetenten Antworten.

Im modernen Büro-Kontext wirkt diese Reaktion deplatziert. Doch Ihr Körper unterscheidet nicht zwischen einem Säbelzahntiger und einem kritischen Aufsichtsrat. Das Symptom versucht, Sie zu schützen. Die „Aufschieberitis“ ist oft nichts anderes als ein kompetentes Stopp-Signal Ihres Systems, das Sie vor Überlastung oder einem Zielkonflikt bewahren will.

Pacing: Die Würdigung vor der Veränderung

Bevor wir etwas verändern können, müssen wir es „paceten“ – also dort abholen, wo es steht. Im Coaching bedeutet das: Wir ehren das Problem. Wir fragen nicht: „Wie kriegen wir das weg?“, sondern: „Wofür ist das ein guter Hinweis? Welche Kompetenz verbirgt sich dahinter?“

Wenn wir anerkennen, dass das Symptom eigentlich ein (vielleicht etwas übereifriger) Beschützer ist, passiert etwas Erstaunliches: Der innere Druck lässt nach. Erst durch diese Wertschätzung wird Energie frei, um neue, passendere Lösungen zu finden. Wir laden das Symptom ein, seine Rolle zu verändern – vom dominaten Alleinherrscher zum beratenden Teammitglied.

Drei Schritte zum kompetenten Kern

Wie können Sie diesen Ansatz für sich nutzen?

  1. Beobachten statt Bewerten: Wenn das Problem auftritt, atmen Sie durch. Sagen Sie sich: „Ah, da ist mein Schutzmechanismus wieder.“
  2. Die Frage nach dem „Wofür“: Fragen Sie sich: Wenn dieses Verhalten ein loyaler Leibwächter wäre – wovor will er mich gerade bewahren? Was will er sicherstellen?
  3. Den Kontext trennen: Würdigen Sie die ursprüngliche Kompetenz der Reaktion („Danke, dass du mich schützen willst“), aber klären Sie innerlich, dass die aktuelle Situation keine Lebensgefahr darstellt.

Fazit: Veränderung durch Annahme

Echte, nachhaltige Entwicklung im Business und im Privatleben gelingt nicht durch Selbstoptimierung unter der Peitsche, sondern durch die Integration aller inneren Anteile. Wer lernt, den kompetenten Kern in seinen Schwierigkeiten zu sehen, verwandelt Widerstand in Kooperation.

Probleme sind keine Defizite. Sie sind Botschafter Ihrer Bedürfnisse und Ihrer Geschichte. Wenn wir aufhören, sie zu bekämpfen, fangen sie an, für uns zu arbeiten.

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CHRISTOPH SCHALK

MASTER COACH & PSYCHOLOGE

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